Pressemitteilungen der Hansestadt Lüneburg

Den Opfern einen Namen geben – in Lüneburg sind 14 weitere Stolpersteine verlegt worden (22.11.2019)

Künstler Gunter Demnig verlegt die vier Stolpersteine für Leopold, Anna, Ernst und Walter Less. Die Familie betrieb in der Großen Bäckerstraße ein Ladengeschäft. Foto: Hansestadt LüneburgLüneburg. Die Geschichtswerkstatt und die »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg haben am Freitag, 22. November 2019, insgesamt 14 Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig im Stadtgebiet Lüneburg verlegen lassen. Daran nahmen auch Angehörige der Opfer teil. Die Verlegung begann Auf dem Schmaarkamp 21 und endete  vor der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg am Wasserturm auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik, Am Wienebütteler Weg 1. Auch an fünf weiteren Orten in der Stadt Lüneburg fanden an diesem Vormittag Verlegungen statt, wie die Geschichtswerkstatt Lüneburg in ihrer Pressemitteilung informiert.

»Diesmal wird das Stolperstein-Projekt in enger Kooperation mit der ›Euthanasie‹-Gedenkstätte Lüneburg durchgeführt«, betont Maren Hansen, Vorsitzende der Lüneburger Geschichtswerkstatt. Denn sieben der 14 Stolpersteine widmen sich Opfern der »Euthanasie«. Unter ihnen ist der nicht einmal zweijährige Jürgen Endewardt. Er lebte mit seiner Familie in der heutigen Georg-Böhm-Straße 4 in Lüneburg. Eine Pflegerin des damaligen Kinderhospitals in der Barckhausenstraße wies ihn in die Anstalt ein. »Seine Mutter sprach am 5. und 6. Dezember 1942 mit dem damaligen Ärztlichen Direktor, gewiss auch über seine desolate Versorgung. Ein Tag später, am 7. Dezember 1942, war Jürgen tot«, berichtet Dr. Carola Rudnick, wissenschaftliche und pädagogische Leiterin der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg. Gemeinsam mit über 50 Pflegeschülerinnen und -schülern erforschte sie die Lebensgeschichten der »Euthanasie«-Opfer, für die jetzt Stolpersteine verlegt werden.

Bei ihren Nachforschungen versuchte Rudnick auch, über einen Presse- und Hörfunk-Aufruf Angehörige der Opfer zu finden. Mit Erfolg, denn an der Stolpersteinverlegung werden mehr als 20 Angehörige teilnehmen, darunter auch Familienmitglieder von Inge Roxin und Mariechen Petersen, die über die mediale Berichterstattung gefunden werden konnten. Die Mädchen waren Nachbarinnen in der Rotehahnstraße 4, ihre Familien teilten sich ein Wohnhaus. Noch lebende Geschwister und deren Kinder meldeten sich bei Rudnick und halfen aufzuklären, wie die Mädchen seinerzeit in das »Euthanasie«-Programm gerieten. Mariechens Mutter hatte sich geweigert, an einer Parteiveranstaltung der NSDAP teilzunehmen und wurde zu vier Monaten Haft verurteilt. Da der Vater 1941 gefallen war, kamen die insgesamt acht zum Teil noch sehr kleinen Kinder zur Großmutter und in ein Heim, bis auf Mariechen. Inge Roxins Schwester Käthe erinnert regelmäßige Besuche bei ihrer kleinen Schwester in der »Kinderfachabteilung«. Die Nähe der Familie konnte nicht verhindern, dass auch sie nicht zugelassene Medikamente erhielt und gewaltsam starb.Die Stolpersteine für »Euthanasie«-Opfer sind auch Erwachsenen gewidmet, die im Frühjahr 1941 als Patientinnen und Patienten der Lüneburger Psychiatrie in eine sogenannte Tötungsanstalt überführt wurden.

Für die Verlegung des Stolpersteins für Heinrich Biester, der im Mai 1941 in der Gaskammer in Hadamar ermordet wurde, reisen sieben Familienmitglieder aus Griechenland an. Seit 2016 bemühte sich die Familie, deren zweiter Zweig noch im Landkreis Lüneburg lebt, für Heinrich Biester einen Stolperstein zu verlegen. Heinrich war der Neffe des damaligen Lüneburger Anstaltsseelsorgers und Pastors von St. Nikolai, Heinrich Mund. In seiner Obhut wähnte die Familie den erkrankten Musiker irrtümlicherweise als sicher. Sein Stein, wie auch der Stolperstein für das Kind Dieter Lorenz, werden direkt vor der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg verlegt. Dieter Lorenz kam mit einem Evakuierungstransport aus den Niederlanden nach Lüneburg. Weil er angeblich keine Eltern hatte und zudem ausländischer Herkunft war, zögerte die Stadt Lüneburg die Kostenübernahme hinaus. Auch deswegen wurde er nicht einmal drei Wochen nach seiner Ankunft in der »Kinderfach-abteilung« ermordet. Sechs Wochen nach der Ermordung des Zweieinhalbjährigen genehmigte die Stadt die Kostenübernahme. Da war es für Dieter Lorenz schon zu spät.

Sein Bruder lebt seit den 1950er-Jahren in Kanada, deutsche Verwandtschaft aus Thüringen reist zur Verlegung des Stolpersteins an. Die Familie von Therese Schubert, der in der Schillerstraße 5 ein Stein verlegt wird, hat es weniger weit. Ein Zweig der Familie lebt noch im Haus, und auch die Enkel leben in Lüneburg und engagieren sich seit Jahren für die Aufarbeitung der »Euthanasie«-Verbrechen.Mit einem der Stolpersteine hat es etwas Besonderes auf sich. Dieser Stein kam erst am Ende der Recherchen der Pflegeschülerinnen und -schüler hinzu. Sie stellten fest, dass einer der Stolpersteine, die 2005 vor der damaligen Bildungs- und Gedenkstätte »Opfer der NS-Psychiatrie« verlegt wurden, seinerzeit am falschen Ort verlegt wurde. Bernhard Filusch war als Säugling in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg gebracht worden, hatte seine ersten Lebenswochen jedoch Auf dem Meere 29 verbracht. Weil es den Schülerinnen und Schülern so wichtig ist, dass Bernhard auch dort einen Stolperstein erhält, verlegen sie den Stolperstein eigenständig und finanziert durch eine eigene Spende. »Die anderen 13 Stolpersteine können dank einer Spende von Bürgerinnen und Bürgern aus Stadt und Landkreis Lüneburg verlegt werden«, betont Maren Hansen.Die weiteren sieben Stolpersteine, die am Freitagvormittag verlegt werden, erinnern unter anderem an das Schicksal der Familie Rose. Die Familie mit Sinti-Abstammung wurde 1941 in einem Baracken-Lager Auf dem Schmaarkamp/Ecke Bardowicker Wasserweg festgesetzt und von dort am 9. März 1943 gemäß dem sogenannten »Auschwitz-Erlass« in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Max Rose starb dort zwei Monate nach seiner Ankunft. Fünf Monate später starb auch seine Schwester Rosa. Weitere vier Monate später starb die Mutter Amalie Rose. Angehörige der Familie Rose waren bei der Stolpersteinverlegung anwesend.

Stolpersteinverlegung in der Großen Bäckerstraße: Nachfahren, die aus Großbritannien angereist waren, legten zum Gedenken Rosen vor dem früheren Wohnhaus mit Ladengeschäft der Familie Less ab. Foto: Hansestadt LüneburgSchließlich erhielten auch Mitglieder der Familie Less, die in der Großen Bäckerstraße ihren Wohnsitz und ihr Ladengeschäft hatten, Stolpersteine. Ihnen gelang zwischen 1934 und 1941 nachheinander auf teils riskantem Wege die Flucht in die USA. Die vielfältigen Geschichten und Hintergründe, die sich mit den Stolpersteinen verbinden, werden im Zuge der Verlegung von Akteuren der Geschichtswerkstatt, Angehörigen der Opfer sowie Pflegeschülerinnen und -schülern präsentiert. 

Im Frühjahr 2020 erscheint eine neue Broschüre über die Lüneburger Stolpersteine, die von der Geschichtswerkstatt und Pflegekräften gemeinsam verfasst wird.