Hinrich Wilhelm Kopf

Diskussion über die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße

Die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße in Kaltenmoor.Hinrich Wilhelm Kopf (6. Mai 1893 bis 21. Dezember 1961) war nach dem Krieg Mitbegründer und erster Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und als solcher eine geachtete und beliebte Persönlichkeit. Doch: „Kopfs unstrittige Lebensleistung als zweimaliger Ministerpräsident, mehrfacher Landesminister und parteiübergreifend anerkannter Landes- wie Bundespolitiker steht seinen ebenso unstrittigen politisch-moralischen Verfehlungen während der Zeit des Nationalsozialismus markant gegenüber.“ – So beurteilt es inzwischen die Historische Kommission, die zentrale Forschungsaufgaben für die Länder Niedersachsen und Bremen wahrnimmt. Darf / soll dieser Mann wirklich Namenspate von Schulen, Straßen und Plätzen sein? Das fragen sich zurzeit Geschichtsinteressierte auch in Lüneburg, wo es im Stadtteil Kaltenmoor seit 1967 eine Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße mit rund 1000 Anwohnern gibt.

Doktorarbeit als Auslöser
Hinrich Wilhelm Kopf im Juli 1948 bei der Ministerpräsidenten-Konferenz der Länder der 3 Westzonen Deutschlands auf dem Berghotel Rittersturz in Koblenz. Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F046120-0016 / Fotograf: Vollrath / Lizenz CC-BY-SA 3.0Auslöser der jüngsten, kritischen Beurteilung Kopfs war 2013 die Doktorarbeit der Göttinger Historikerin, Dr. Teresa Nentwig, Der Titel ihrer Arbeit: "Hinrich Wilhelm Kopf. Ein konservativer Sozialdemokrat" (Verlag Hahnsche Buchhandlung, 2013). In der Zusammenfassung heißt es: „Zunächst war Kopf mit seiner eigenen Firma an der Verwaltung und dem Verkauf von Häusern jüdischer Eigentümer beteiligt. Während des Zweiten Weltkrieges war er dann ein effizienter, überaus engagierter Mitarbeiter einer nationalsozialistischen Behörde, der Haupttreuhandstelle Ost (HTO), die die wirtschaftliche „Germanisierung“ Polens verfolgte. Zusätzlich arbeitete Kopf für die Grundstücksgesellschaft der HTO, die GHTO. Bis Ende 1942 löste er sich zwar aus den vertraglichen Bindungen zur HTO und zur GHTO, wohl aufgrund finanzieller Differenzen. Doch noch im Mai 1944 fungierte Kopf als „kommissarischer Verwalter des jüdischen Gemeindevermögens“ in einem kleinen oberschlesischen Dorf. Diese Tätigkeiten werfen einen Schatten auf seine Biografie."

Verschiedene Info-Angebote der Hansestadt
Die Hansestadt Lüneburg hat seit Beginn der Diskussion um Hinrich Wilhelm Kopf und die nach ihm benannte Straße Anwohnern und anderen Interessierten verschiedene Angebote gemacht, sich zu informieren. So gab es einen Informations-Abend in Kaltenmoor (18. März 2014), zu dem alle Anwohner persönlich eingeladen wurden, und einen Info-Stand auf dem Stadtteilfest (14. Juni 2014). Am 17. Juni 2014 begrüßte Oberbürgermeister Ulrich Mädge die Autorin der Doktorarbeit, Dr. Teresa Nentwig, sowie weitere Historiker und Fachleute zu einer Podiumsdiskussion im Glockenhaus. Weitere Informationsveranstaltungen sind denkbar.

Mit Kopfs Andenken "differenziert umgehen"
Information ist das eine – die Entscheidung, wie letztlich mit dem Namen Hinrich Wilhelm Kopf als Namenspate umgegangen wird, das andere. Die Historische Kommission etwa empfiehlt, mit Kopfs Andenken "differenziert umzugehen", seinen Namen nicht zu tilgen, sondern zum Beispiel durch "eine ständig zugängliche Dokumentation zu Kopfs Tätigkeit, die Auseinandersetzung zu ermöglichen". Der Ältestenrat im Niedersächsischen Landtag dagegen, hat sich einhellig für eine Umbenennung des Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platzes in Hannover, Sitz des Landtags, ausgesprochen.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge sagte während der Veranstaltung im Glockenhaus: "Wir dürfen nicht erwarten, dass einer als Zeuge da steht und die Entscheidung für uns trifft. Es gibt nicht die reine Lehre an der Stelle – wir müssen uns eine Meinung bilden."

 

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